Junge Typografen

Interview des Niggli-Verlags, 2010

- Wo bist du aufgewachsen, wo hast du studiert? 

Meine Heimatstadt ist Rietberg, ein idyllisches Städtchen mit 9.000 Einwohnern. Ab 2004 habe ich in Bielefeld studiert und dort gewohnt, ab 2006 im Künstler- und Atelierhaus Artists Unlimited.


- Wann hast du realisiert, dass Typografie / Gestaltung dein Ding ist? Wie bist du zur Typografie gekommen?

Das Interesse für Gestaltung begann bei mir ganz klassisch, wie bei vielen anderen vermutlich auch: mit dem Zeichnen und Malen als Kind. Außerdem besitze ich scheinbar eine angeborene Faszination für Worte und Sprache, habe immer schon viel geschrieben. Es gibt Sätze, Betonungen und Dialoge, die ich jahrelang im Kopf behalte. Zum Interesse für Typografie bin ich letztendlich sicher über die Sprache gekommen. Sowohl formal als auch inhaltlich interessieren mich Strukturen, Brüche, Atmosphäre und Präzision.

 

- Kann man deiner Meinung nach gutes Design / guten Geschmack erlernen?

Da müsste ja erstmal definiert sein, was guter Geschmack ist. Es gibt sicher viele Dinge, die man in diesem Bereich lernen kann, das ›sehen lernen‹ ist wichtig, gefördert und gefordert zu werden. Eine Portion gottgegebene Besessenheit ist meiner Meinung nach aber unersetzbar. 

 

- Welche Schwerpunkte hast du in deinem Studium gesetzt?

Typografie, Kommunikation, Ritter Sport.


-  Was macht für dich Typografie / Grafikdesign aus?

Informationen und Stimmungen übermitteln und strukturieren. Nachdenken. Konsequent sein. Einer Nachricht ein Gesicht geben, ohne ihr die Poren zu verstopfen.

 

-  Was ist deine liebste Schrift und warum ist es gerade sie?

Ich habe eine braune Stoffhose mit vielen Farbflecken. Sie ist das bequemste Kleidungsstück, das ich besitze. Allerdings würde ich in dieser Hose nicht ins Kino gehen – weshalb sie wohl den Titel ›Lieblings-Hose‹ nicht verdient. So ist es auch mit Schriften: Es gibt viele, mit denen ich mich wohl fühle, allerdings nur im entsprechenden Rahmen. Schriften sollten zum Anlass passen.

 

- Warum entwirft man neue Schriften, wenn sich die alten so gut bewähren?

Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht wirklich. Vermutlich sind Gestalter einfach nicht dafür gemacht, sich mit Stillstand abzufinden. Inhalte, die kommuniziert werden wollen, ändern sich, ebenso Sehgewohnheiten – sicher ergeben sich da zum Teil neue Anforderungen an Schriften. Abgesehen davon, dass viele neue Schriften einfach Spaß machen. Aber man muss auch immer wieder eingestehen, dass die meisten ›Klassiker‹ diesen Status zu Recht haben.

 

- Wie sieht für dich die Zukunft der Typografie aus?

Voller Umbrüche.

 

- Gibt es Schriften oder Designs, die du abstossend oder gar ärgerlich findest?

Zum Glück Ja. Der beste Antrieb, weiter zu machen.

 

- Wie lässt du dich inspirieren? Wer oder was prägte dich und deine Arbeit am stärksten?

Ich denke, vieles, was mich als Persönlichkeit prägt, beeinflusst auch meinen Umgang mit Gestaltung und Sprache. Das kann letztendlich alles sein, ist aber häufig unterbewusst. Rückmeldung zu bekommen, ist sehr wichtig. Sich ganz andere Dinge und Ansätze ansehen, überlegen ›was funktioniert, was funktioniert nicht?‹ und warum ist das so. 

Meine Arbeit wurde in den letzten Jahren sicher stark von meinem Umfeld geprägt, von Artists Unlimited, wo ich wohne und arbeite und von den Personen, mit denen ich im Studium zusammen gearbeitet habe. Sprachlich faszinieren mich immer wieder Autoren, die einfach ›mehr‹ aus Worten machen, wie Ernst Jandl, Helmut Krausser, Ralf Rothmann oder auch Loriot, Helge Schneider, Peter Licht und Hildegard Knef. Eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann auch sehr ertragreich sein.

 

- Wann, wie und wo arbeitest du? 

Immer, lang und zwischen Kopf und Bauch. 

Es kommt sehr darauf an, in welcher Phase sich das Projekt befindet, an dem ich gerade arbeite. Und ob ich alleine daran arbeite oder im Team. Typisch sind allerdings ziemlich viele Ausdrucke. Vermutlich keine besonders gute Umweltbilanz. 

Grundideen, besonders zu Texten, entstehen oft unterwegs. Tatsächlich kann ich gut in öffentlichen Verkehrsmitteln arbeiten – zumindest wenn dort nicht gerade irgendein Ausnahmezustand herrscht, der von Fußball-Fans oder alkoholisierten Kegel-Müttern ausgerufen wurde. Ich kann dort aber nur analog arbeiten. Am Rechner bringe ich nichts zustande. Im Bus oder in der Bahn zu arbeiten, ist für mich ein gutes Wechselspiel von Ablenkung und Konzentration. Genau wie mein Arbeitszimmer, dass sich zwischen dem Zimmer eines Bass-begeisterten Fotografen und dem einer argentinischen Malerin befindet. Und zu meinen Füßen das ruhige Bielefeld und der Teutoburger Wald.

 

- Wie sieht ein typischer Arbeitstag von dir aus? Wie würdest du deine momentane berufliche Tätigkeit beschreiben?

In ein paar Tagen beginnt mein Praktikum – zu diesem Alltag kann ich noch nichts sagen. Momentan beginnt mein Arbeitstag morgens und endet spät am Abend. Er ist durchsetzt mit kleinen Auflockerungs-Übungen im Haushalt, Gesprächen, vielen E-Mails und einigen Litern Tee.

 

- Entwirfst du Schriften / Projekte auf dem Bildschirm oder auf dem Papier?

Sowohl als auch. Texte beginnen fast immer auf Papier.

 

- Mit welchem Buchstaben fängst du an, wenn du eine Schrift entwirfst?

Ich habe noch nie eine Schrift entworfen. Vermutlich würde ich beim Trennstrich schon verzweifeln.

 

- Was für Projekte stehen in naher und ferner Zukunft bei dir an?

Nah und konkret: ein halbes Jahr Praktikum in Berlin. Allgemeiner und wichtiger: weiter beobachten, wach bleiben, Lachfalten bekommen.

 

- Ist ein kommerzielles oder ein persönliches Projekt eine größere Herausforderung?

Ein persönliches. Man muss sich selbst Grenzen setzen, entscheiden, wann etwas abgeschlossen ist (gar nicht so einfach!) und vor allem gibt es keine Ausrede, wenn alles ganz anders aussieht, als man sich das mal vorgestellt hat. Wenn man alle Entscheidungen frei treffen kann, fällt der böse Kunde als Rechtfertigung weg.

 

-  Welches typografische Projekt würdest du gerne realisieren? Was wäre ein i-Tüpfelchen?

Es gibt viele spannende Projekte. Große Namen und prominente Umsetzungen sind natürlich immer verlockend. Aber ich denke, das Ergebnis jedes (Prestige-)Projekts hängt stark von der Zusammenarbeit mit den Auftraggebern ab. Da ich diese nicht kenne, kann ich dazu wenig sagen. Viele Projekte, von denen man anfangs wenig erwartet, können sich zur Herzensangelegenheit entwickeln. Und andere, die man immer schon mal machen wollte, zum völligen Krampf.

 

- Mit welchem Material arbeitest du am liebsten?

Kulli, Papier, Tastatur, Gedanken.

 

- Hast du dein Hobby zum Beruf gemacht? Oder bleibt noch Zeit für andere Dinge?

Was für andere Dinge?

Letztendlich hat fast alles, was ich tue, irgendwie mit meinem Beruf zu tun. Ich engagiere mich bei Artists Unlimited, mache dort viel Organisation und Pressearbeit für unser Gastkünstler-Stipendium und unsere hauseigene Galerie. Ich lese, schaffe eine Gegenbewegung zu meiner Rechner-Haltung und habe sogar ein paar Freunde.